Das weltweite Highland-Fieber hatte seinen Ursprung im virtuellen Raum des Internets …

von Diana Gabaldon

Also, es war alles nur Zufall, ehrlich. Ich hatte es gar nicht darauf angelegt, unter die Schriftsteller zu gehen; ich hatte nicht einmal vor, es jemanden zu zeigen. Ich wollte einfach ein Buch schreiben – irgendein Buch.  Na ja, nicht irgendein Buch. Einen Roman. Wissen Sie, ich kann gut Geschichten erzählen. Darauf kann ich mir nicht viel einbilden – es ist angeboren. Als meine Schwester und ich noch klein waren und ein gemeinsames Zimmer hatten, da blieben wir fast jede Nacht lange auf und erzählten uns enorm verwickelte Fortsetzungsgeschichten mit Tausenden von Charakteren (wie gesagt, es ist angeboren).

Obwohl ich schon seit meiner frühesten Kindheit wusste, dass ich eine Erzählerin war, wusste ich nicht genau, wie ich damit umgehen sollte. Schließlich ist die Schriftstellerei keine klar definierte Laufbahn. Es ist nicht wie Jura, wo man soundsoviele Jahre lang die Schulbank drückt, sein Examen macht und Bing! den Leuten zweihundert Dollar pro Stunde dafür abknöpfen kann, dass sie sich schlaue Vorträge anhören (meine Schwester ist Rechtsanwältin). Schriftsteller sind vor allem Improvisationskünstler, und es gibt keinerlei Garantie dafür, dass ein Buch veröffentlicht wird, wenn man bestimmte Dinge tut. Es gibt erst recht keine Garantie dafür, dass man davon leben kann.

Nun ist es so, dass ich aus einer sehr konservativen Familie stamme (moralisch und finanziell, nicht politisch). Dann und wann sind meine Eltern mit mir und meiner Schwester essen gegangen, und während wir auf unsere Bestellungen warteten, deuteten sie dann auf die älteste, ausgelaugteste Kellnerin des Restaurants und sagten streng: „Seht zu, dass ihr eine gute Ausbildung bekommt, damit ihr mit fünfzig nicht so etwas machen müsst!“

Da man uns also zu Hause derart bearbeitete, verwundert es nicht, dass ich nicht direkt nach der High School verkündete, ich würde nach London ziehen, um Romane zu schreiben. Stattdessen erwarb ich einen Bachelor of Science in Zoologie, einen Master of Science in Meeresbiologie, einen Doctor of Philosophy in Ökologie und bekam einen schönen  Forschungsauftrag an einer großen Universität, komplett mit Zusatzleistungen und Altersversorgungsplan. Das Problem war nur, dass ich immer noch Romane schreiben wollte …

Zunächst gab ich jedoch ein akademisches Periodikum namens SCIENCE SOFTWARE heraus, das ich ins Leben rief und mehrere Jahre lang sowohl redigierte als auch weitgehend verfasste. Als mein Mann dann seine Stelle aufgab, um sich selbstständig zu machen, und wir mehr Geld brauchten, war ich demzufolge in der Lage, mich als freie Autorin bei der Computerpresse zu bewerben.

Ich bewarb mich schriftlich bei den Herausgebern von BYTE, InfoWorld, PC und mehreren anderen großen Computermagazinen und fügte sowohl eine aktuelle Ausgabe von SCIENCE SOFTWARE als auch ein Exemplar eines Walt-Disney-Comics bei, dessen Story ich geschrieben hatte. Mein Bewerbungsschreiben lautete in etwa: „Wie Sie den Anlagen entnehmen können, werden Sie niemanden finden, der bessere Voraussetzungen dafür mitbringt, wissenschaftliche und technische Software zu rezensieren – und gleichzeitig ein breites Publikum anzusprechen.“

Glücklicherweise war die Mikrocomputer-Revolution gerade so weit aufgeblüht, dass es tatsächlich eine ganze Anzahl technischer und wissenschaftlicher Programme auf dem Markt gab, und als einer von vielleicht einem Dutzend „Experten“ auf dem frisch erfundenen Feld der wissenschaftlichen Computernutzung (es ist nicht besonders schwierig, ein Experte zu sein, wenn es auf der ganzen Welt nur zwölf Leute in dem entsprechenden Betätigungsfeld gibt) bekam ich augenblicklich Aufträge. Im Rahmen eines solchen Auftrags geschah es nun, dass ein Software-Hersteller mir eine Probediskette für CompuServe schickte, weil ich ein Support-Forum erwähnen sollte, das der Hersteller dort für ein von mir besprochenes Produkt betrieb. Ich verbrachte eine halbe Stunde damit, mich in diesem Forum umzusehen, und da mir noch mehrere Stunden kostenloser Probezeit zur Verfügung standen, machte ich mich daran herauszufinden, was diese faszinierende neue Online-Welt sonst noch zu bieten hatte. Da es Mitte der achtziger Jahre war, war online noch nicht annähernd so viel los wie heute (es gab kein World Wide Web, nur die Online-Dienste, die man abonnieren konnte, wie zum Beispiel CompuServe, Genie und Prodigy. AOL existierte noch gar nicht). Doch befand sich unter den Informationsquellen, die damals (bei CompuServe) verfügbar waren, eine Gruppe namens The Literary Forum.

Dies war eine faszinierende Ansammlung von Individuen, die allesamt ein Faible für Bücher hatten. Das war der einzige gemeinsame Nenner; die Gruppe umfasste Menschen jeder denkbaren Herkunft und Profession – unter ihnen ein paar Schriftsteller, die bereits Bücher veröffentlicht hatten, eine ganze Anzahl aufstrebender Autoren und viele, viele  Nichtschreiber, die einfach nur gerne über Bücher und das geschriebene Wort diskutierten. Da mir dieser sympathische Treffpunkt der ideale Freizeitvertreib für eine viel  beschäftigte Mutter mit Kleinkindern zu sein schien – eine Art rund um die Uhr geöffneter elektronischer Cocktailparty -, abonnierte ich CompuServe sofort und begann, mehrmals täglich beim Literary Forum vorbeizuschauen, um die dort postierten Mitteilungen zu lesen und mich mit den gleich gesinnten Forumsteilnehmern auszutauschen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine Vollzeitstelle an der Universität, ich schrieb nebenbei für die Computerpresse, und ich hatte drei Kinder im Alter von sechs, vier und zwei Jahren. Ich weiß auch nicht genau, warum ich dachte, dass ausgerechnet dies der ideale Moment war, um mein lang gehegtes Vorhaben zu verwirklichen und einen Roman zu schreiben – durch Schlafmangel ausgelöster Wahnsinn vielleicht -, doch genau das tat ich.

Ich hatte nicht vor, diesen mutmaßlichen Roman einer Menschenseele zu zeigen. Er war nicht zur Veröffentlichung gedacht, sondern zum Üben. Auf Grund meiner Erfahrung war ich zu dem Schluss gekommen, dass man wohl nur vernünftig lernen konnte, wie man einen Roman schreibt, indem man einen Roman schrieb. Schließlich hatte ich auf diese Weise auch gelernt, wissenschaftliche Artikel, Comics und Softwarebesprechungen zu schreiben. Warum sollte es bei einem Roman anders sein? Wenn ich ihn sowieso niemandem zeigen wollte, dann würde es auch keine Rolle spielen, ob er schlecht war oder nicht. Also brauchte ich mich beim Schreiben auch nicht befangen zu fühlen, sondern konnte mich einfach nur auf das Schreiben konzentrieren. Und wenn ich ihn nur zu Übungszwecken schrieb, dann brauchte ich mir auch keine übermäßigen Gedanken darüber machen, was für eine Art Roman es war. Ich setze mir nur zwei Regeln: Erstens, ich würde nicht aufgeben, bis ich das Buch vollständig zu Ende geschrieben hatte, egal wie schlecht ich es fand, und zweitens, ich würde beim Schreiben jederzeit mein Bestes geben.

Nun … was für eine Art Roman sollte es werden? Na ja, ich lese alles und zwar in rauen Mengen, vielleicht aber doch mehr Krimis als alles andere. Schön, dachte ich, dann würde ich einen Krimi schreiben. Doch dann fing ich an zu überlegen. Ein Krimi hat eine Handlung. Ich war mir nicht sicher, ob ich wusste, wie man eine Handlung konstruiert. Vielleicht sollte ich mir für mein Übungsbuch doch etwas Leichteres aussuchen und dann einen Krimi schreiben, wenn ich glaubte, für ein richtiges Buch bereit zu sein. Schön. Was für ein Buch konnte ich am einfachsten als Übungsstück schreiben? (Ich sah keinen Sinn darin, es mir selber schwer zu machen.) Nach reiflicher Überlegung erschien es mir, als sei vielleicht ein historischer Roman das Praktischste, woran ich mich versuchen konnte. Schließlich war ich Forscherin; mir stand eine riesige Universitätsbibliothek zur Verfügung, und ich wusste, wie man sie benutzte. Ich stellte mir vor, dass es einfacher sein würde, Dinge nachzuschlagen als sie zu erfinden – und falls sich herausstellen sollte, dass ich keine Phantasie besaß, so konnte ich geschichtliche Ereignisse stehlen. – Okay. Schön. Wo sollte dieser historische Roman spielen? Ich besitze keine formelle Ausbildung in Geschichte, jede Zeitperiode und jeder Ort würde genauso gut sein wie der andere.

Auftritt: der nächste Zufall. Ich sehe selten fern, doch zu diesem Zeitpunkt sah ich mir regelmäßig im Fernsehen die wöchentliche Wiederholung von Doctor Who an (einer britischen Science-fiction-Serie), weil eine Folge gerade so lange dauerte, wie ich für meine Maniküre brauchte. Während ich also darüber nachdachte, vor welchem Hintergrund mein hypothetischer historischer Roman spielen sollte, sah ich zufällig eine sehr alte Folge von Doctor Who, in welcher der Doktor einen Begleiter hatte – einen jungen Schotten namens Jamie MacCrimmon, den er im Jahre 1745 aufgegabelt hatte. Diese Figur trug einen Kilt, was ich sehr ansprechend fand, und legte – zumindest in dieser Folge – eine Art von sturköpfiger männlicher Ritterlichkeit an den Tag, die es mir schon immer angetan hatte: den starken Drang eines Mannes, eine Frau zu beschützen, selbst wenn ihm möglicherweise klar ist, dass sie eindeutig in der Lage ist, selbst für sich zu sorgen.

Am nächsten Tag saß ich gerade in der Kirche und dachte müßig über diese Sendung nach (nein, so komisch es ist, aber ich erinnere mich nicht an das Thema der Predigt an
diesem Tag), als ich plötzlich zu mir sagte: Ach, Mensch! Du willst ein Buch schreiben, du brauchst eine geschichtliche Periode, und das Wo oder Wann spielt keine Rolle. Wichtig
ist nur, dass du irgendwo anfängst. Okay. Schön. Schottland, achtzehntes Jahrhundert.

Also ging ich nach der Messe zu meinem Auto, kramte eine Papierfetzen unter dem Vordersitz hervor, und so begann ich, „Feuer und Stein“ zu schreiben: kein Entwurf, keine
Handlung, keine Figuren – nur Zeit und Ort.

Die nächste Station lag auf der Hand. Es war die Universitätsbibliothek der Arizona State University, die ich am nächsten Tag aufsuchte. Ich begann meine Recherche, indem ich
SCHOTTLAND, HIGHLANDS, ACHTZEHNTES JAHRHUNDERT in den Indexkatalog eingab – und der Rest ergab sich wie von selbst.

Ich hatte nicht die geringste Absicht, meinen elektronischen Bekanntschaften im Litforum mitzuteilen, was ich im Schilde führte. Ich wollte keine Ratschläge, und wenn sie noch so gut gemeint waren; ich wollte einfach nur herausfinden, wie man einen Roman schreibt, und ich war überzeugt, dass ich das ganz allein tun musste – schließlich hatte ich auch nie jemanden danach gefragt, wie man eine Softwarebesprechung oder eine Comicvorlage schreibt, und ich wollte nicht, dass mir jemand Vorschriften macht, bevor ich mir selbst ganz sicher war, was ich da tat. Deshalb sagte ich nichts. Zu niemanden. Ich schrieb einfach vor mich hin, jeden Tag ein bisschen, wenn ich nicht gerade Windeln wechselte oder mich um Forschungszuschüsse bewarb.

Nach etwa acht Monaten geriet ich eines Abends im Litforum mit einem Herrn in ein Streitgespräch darüber, wie es sich anfühlt, schwanger zu sein. Er versicherte mir, dass er wüsste, wie es sich anfühlte, schließlich hätte seine Frau drei Kinder zur Welt gebracht. Ich lachte (auf elektronische Weise) und erwiderte: „Schön für dich. Ich habe drei Kinder zur Welt gebracht.“ Worauf er erwiderte: „Dann sag mir doch, wie du meinst, dass es sich anfühlt.“

Nun befand sich unter den Romanfragmenten, die ich bis dato geschrieben hatte, eine kurze Szene, in der eine Frau (Jenny Murray) ihrem neugierigen Bruder (Jamie Fraser) erzählt, wie es sich anfühlt, wenn man schwanger ist. Da diese Szene die Erfahrung mit größerer Eloquenz zu erfassen schien, als ich es in einer kurzen Forumsnachricht vermochte, teilte ich meinem Korrespondenten mit, dass ich eine Szene hätte, die das Phänomen erklärte, und dass ich sie in die Bibliothek des Literary Forums stellen würde.

Die meisten Unterhaltungen in den CompuServe-Foren sind öffentlich, das heißt, die postierten Mitteilungen sind für jedermann sichtbar, es sei denn, sie wurden „privat“ verschickte (in welchem Fall nur Sender und Empfänger sie sehen können). Jeder kann sich nach Belieben in eine Thread (eine zusammenhängende Serie von Mitteilungen und Erwiderungen zu einem Thema) einmischen. Eine Anzahl von Leuten hatten den Schwangerschaftsstreit verfolgt, und als ich jetzt meine Szene in die Bibliothek stellte, lasen sie sie. Mehrere von ihnen hinterließen mir Mitteilungen, die (mehr oder weniger) lauteten: „Das ist toll! Was ist das?“ Worauf ich ungeheuer schlau antwortete: „Ich weiß es nicht.“ „Na gut, wo ist der Anfang?“, fragten sie. „Den habe ich noch nicht geschrieben“, antwortete ich. „Na dann … zeig uns mehr davon“, forderten sie.

Also tat ich das. Dazu muss ich erklären, dass ich nicht nur schreibe, ohne mir einen Entwurf zurechtzulegen, ich schreibe auch nicht geradlinig. Ich schreibe Stückchen und Fetzen, die ich dann zusammenklebe wie ein Puzzle. Jedes Mal, wenn ich ein Stück fertig hatte, das für sich einen Sinn zu ergeben schien, ohne dass ich allzu viel erklären musste, stellte ich es in die Bibliothek. Nach und nach fingen die Leute an, sich über meine Szenen zu unterhalten und mich nach dem Buch zu befragen, das da Gestalt annahm. Und schließlich sagten sie zu mir: „Weißt du, das ist gut, du solltest versuchen, eine Verleger zu finden.“ „Na klar“, sagte ich. „Es ist nur zum Üben, und ich weiß ja nicht einmal, was für eine Art Buch es ist.“ (Angesichts des Zeitreise-Elements, des Monsters von Loch Ness und diverser anderer Dinge glaubte ich nicht mehr so recht, dass es ein historischer Roman war, aber ich hatte keine Ahnung, was es sonst sein könnte.) „Andererseits … wenn ich es veröffentlichen wollte, was sollte ich dann tun?“

„Besorge dir einen Agenten“, war die prompte Erwiderung mehrerer professioneller Autoren, mit denen ich mich angefreundet hatte. „Ein Agent kann dir viel schneller dazu  verhelfen, dass dein Manuskript gelesen wird, als wenn du es selber einreichen würdest. Und wenn es jemand kauft, kann ein Agent einen viel besseren Vertrag für dich aushandeln, als du es selber könntest.“ „Schön“, sagte ich. „Wie finde ich einen Agenten?“ „Tja …“, meinten sie, „wie du sagst, ist dein Buch ja noch nicht einmal ansatzweise fertig, also hast du noch viel Zeit. Hör dich doch am besten erst einmal um. Frag nach, welche Agenten welche Genres vertreten, wer einen guten Namen hat, von wem du dich fern halten solltest und so weiter.“ Das tat ich …

Eines Tages unterhielt ich mich (im Forum) mit einem Autor, der mir beiläufig bekannt war: John Stith, der Romane und Krimis mit wissenschaftlichem Hintergrund schreibt, und ich
fragte ihn, ob er mir von seinem Agenten erzählen könnte, falls er einen hätte. John antwortete, dass er sich in der Tat durch einen Agenten vertreten ließ – Perry Knowlton.  „Möchtest du, dass ich dich ihm vorstelle?“, fragte John. „Ich weiß, dass du fast so weit bist, dass du dich nach einem Agenten umsehen kannst.“ Angesichts dieses großzügigen
Angebotes schluckte ich und sagte mit weichen Knien: „Äh … das wäre nett, John. Danke!“

Daraufhin schickte John eine Notiz an Perry, die mehr oder weniger besagte, dass es sich lohnen würde, einen Blick an mich zu verschwenden. Ich ließ meine eigene Bewerbung folgen, in der ich erklärte, dass ich seit einigen Jahren Sachtexte (und Comicstorys) verkaufte, jetzt aber an einem Roman schriebe und man mir zu verstehen gegeben hätte, dass ich unbedingt einen guten Agenten brauchte. Er sei mir von mehreren Schriftstellern empfohlen worden, deren Meinung ich schätzte; ob er Interesse daran hätte, Auszüge dieses ziemlich langen Romans zu lesen, den ich in Arbeit hätte? (Ich sagte ihm nicht, dass ich das Teil noch nicht zu Ende geschrieben hatte; „Auszüge“ waren alles, was ich hatte).

Perry war so freundlich, mich zurückzurufen, und sagte ja, er würde meine Auszüge lesen. Ich schickte ihm die diversen Bruchstücke, die ich hatte, zusammen mit einer groben Inhaltsangabe, die das Ganze zusammenhielt – und er nahm mich unter Vertrag, auf der Basis eines unvollendeten Erstlingsromans.

Als Diana Gabaldon einige Monate später das fertige Manuskript dem Agenten sandte, nahm er sie unter Vertrag. Perry Knowlton bot das Manuskript von „Feuer und Stein“ fünf Verlagen an, und nach kurzer Zeit waren drei bereit, das Buch zu publizieren. Er empfahl Diana Gabaldon, Delacorte Press den Zuschlag zu geben und handelte einen Vertrag für sie aus.

Mit einem Vertrag über drei Bücher in der Tasche, begann ich das zweite Buch, „Die geliehene Zeit“ (Dragonfly in Amber).

Doch kurz nach der Hälfte dieses Buches bekam ich dieses dumpfe Gefühl, dass es mir vielleicht doch nicht gelingen würde, die gesamte Amerikanische Revolution in einen einzigen Folgeband zu stopfen, und dass es vier Bände werden müssten. Ich gestand Perry diese Befürchtung, und er sagte: „Erzähl ihnen das nur nicht. Jedenfalls nicht, bevor das erste in den Läden ist.“

Als wir uns schließlich entschlossen, mit der schrecklichen Wahrheit herauszurücken, waren die ersten Bücher glücklicherweise erschienen und hatten sich ordentlich verkauft, und der Verlag machte uns gern ein Angebot für das vierte (und mutmaßlich letzte) Buch in dieser Serie. Da ich das Gefühl hatte, dass dies vielleicht meine einzige Chance war, jemanden dazu zu bringen, dass er mich dafür bezahlte, einen Krimi zu schreiben, sagte ich kühn, sie könnten das vierte Buch haben, wenn sie mir auch einen Vertrag über einen modernen Krimi geben würden. Zu meiner großen Überraschung bekam ich einen Vertrag über zwei Krimis – und das vierte Claire-und-Jamie-Buch.

Also machte ich mich ans Schreiben. Ich schrieb, und ich schrieb, und ich schrieb, und nachdem ich das anderthalb Jahre gemacht hatte, sagte ich mir, ich habe hier eine viertel Million Wörter, warum zum Kuckuck bin ich nicht einmal annähernd fertig damit? Kurzes Nachdenken brachte die Antwort zu Tage: Ich hatte wieder einmal zu viel Story, als dass sie in ein Buch gepasst hätte.

Auf einer Autorenkonferenz, die auch meine Lektorin besuchte, beugte ich mich während der Preisverleihungsgala zu ihr hinüber und zischte ihr ins Ohr: „Weißt du was? Es sind fünf.“ Worauf Jackie, eine Frau von großer Geistesgegenwart und Unerschütterlichkeit antwortete: „Wieso überrascht es mich nicht, das zu hören?“

In Wirklichkeit war es noch schlimmer als ich dachte. Während ich sämtliche Szenen entfernte, die in das fünfte Buch gehörten, wurde mir schließlich klar, dass das, was ich da vor mir hatte, eine doppelte Trilogie war – insgesamt sechs Bücher. Im Mittelpunkt der ersten drei Bücher – „Feuer und Stein“, „Die geliehene Zeit“ und „Ferne Ufer“ – steht der  Jakobitenaufstand von 1745. Die zweiten drei Bücher drehen sich auf ähnliche Weise um die Amerikanische Revolution, die sozusagen ein verstärktes Echo des vorausgehenden
Konfliktes war, der in Culloden endete.

Und das wiederum führt uns zu einer Betrachtung dessen, was eigentlich in diesen Büchern vor sich geht. Nachdem mir jetzt klar war, dass ich tatsächlich eine Schriftstellerin war und es nicht nur mit einem Buch, sondern mit einer Reihe zu tun hatte, verfolgte ich in der Hauptsache zwei Absichten. Die eine war der Wunsch, die immensen gesellschaftlichen Veränderungen des achtzehnten Jahrhunderts nachzuvollziehen. Dies war eine Zeit großen gesellschaftlichen und politischen Umbruchs, eine Zeit, die den Übergang der westlichen Welt von den letzten Überbleibseln des Feudalismus in das Zeitalter der Moderne erlebte, und zwar in jeder Beziehung, von der Politik und der Wissenschaft bis hin zu den Künsten und den gesellschaftlichen Umgangsformen. Die Gezeiten der Geschichte wendeten sich, strömten von der Alten in die Neue Welt, getragen auf den Wellen des Krieges, und was konnte es für eine bessere Betrachtungsweise geben als die Augen einer Zeitreisenden?

Das alles ist zweifellos ein phantastischer Hintergrund für einen Roman, doch es ist nun einmal so, dass gute Romane von Menschen handeln. Ein Buch, in dessen Vordergrund
sich kein fesselndes persönliches Schicksal abspielt, mag ja ein gutes Geschichtsbuch sein oder voller guter Ideen stecken – aber als Roman taugt es nichts. Wie sah es also mit
den Persönlichkeiten in dieser Story aus?

Das erste Buch wurde in Amerika ursprünglich als historischer Liebesroman vermarktet. Obwohl es sich in kein einziges Genre hundertprozentig einordnen ließ (und gleichzeitig
mit Sicherheit nicht das war, was man als „literarisch“ bezeichnet), war das romantische Genre von allen in Frage kommenden Marktsegmenten bei weitem das Größte. Davon
einmal abgesehen, handeln Liebesromane von der Zeit des Werbens. Sie erzählen davon, wie zwischen zwei Menschen ein Band entsteht, und wenn dieses Band einmal durch
Heirat und sexuelle Vereinigung (hoffentlich in dieser Reihenfolge) geformt ist – tja, dann ist die Geschichte vorbei. Das war niemals das, was mir vorschwebte. Ich wollte nicht
davon erzählen, wie zwei Menschen zueinander kommen, obwohl das ein sehr kraftvolles und universelles Thema ist. Ich wollte herausfinden, was dazugehört, dass zwei Menschen
zusammenbleiben, und zwar fünfzig Jahre lang oder länger. Ich wollte nicht die Geschichte eines Liebeswerbens erzählen, sondern die Geschichte einer Ehe.

Um aber nun Themen wie die Zeit der Aufklärung, den Fall der Monarchie und die Natur von Liebe und Ehe adäquat zu behandeln, braucht man ein gewisses Maß an Platz. Außerdem braucht man eine recht komplexe Handlung. Dann und wann sagen die Leute zu mir: „Aber werden Sie es nicht müde, immer wieder über dieselben Figuren zu schreiben?“ Das würde ich mit Sicherheit, wenn es dieselben Figuren wären – aber sie sind es nicht. Sie wachsen, und sie verändern sich. Sie werden älter, und ihr Leben wird komplexer. Sie entwickeln mehr Tiefe und neue Facetten. Sie bleiben zwar – so hoffe ich – ihrem grundsätzlichen Charakter treu, doch ich muss sie mit jedem weiteren Buch neu entdecken.

Und das führt mich zu einer anderen Fragen, die mir oft gestellt wird: „Was ist es, das die Leute an diesen Büchern interessiert?“ Lange Zeit habe ich darauf (der Wahrheit entsprechend) geantwortet: „Da bin ich überfragt.“ Doch nach all den Jahren, in denen ich Post und E-Mails bekomme, habe ich jetzt eine gewisse Vorstellung von dem, was die Leser sagen, was ihnen gefällt.

Viele von ihnen genießen das Gefühl „da zu sein“, einen anderen Ort und eine andere Zeit aus zweiter Hand zu erleben. Viele mögen die historischen Aspekte der Bücher; es macht ihnen Spaß (sagen sie), „etwas zu lernen“, während sie sich unterhalten lassen. Viele schätzen das Gefühl der Verbundenheit, das Gefühl, ihr eigenes Erbe wieder zu entdecken. Und eine Menge Leser haben Spaß an den interessanten Details, an der Pflanzenheilkunde, an den medizinischen Vorgängen, am Wie und Warum des Alltags in
einer anderen Zeit. Doch das, was bei weitem die meisten Menschen übereinstimmend an den Büchern mögen, sind die Figuren – die Leser haben sie in ihr Herz geschlossen, sie  interessieren sich für sie und wollen mehr über sie erfahren.

Textauszug aus
Diana Gabaldon: Der magische Steinkreis
Aus dem Amerikanischen von Barbara Schnell

*und auf diesen wundervollen Text wurde ich von Nadine Berghäuser aufmerksam gemacht. Danke!

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